[Bericht] Ostblock Fly-In & Europäisches Antonov An-2 Treffen 2021 in Bienenfarm (II)

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[Bericht] Ostblock Fly-In & Europäisches Antonov An-2 Treffen 2021 in Bienenfarm (II)

Beitrag von Uwe » So 12. Sep 2021, 12:05

Teil II: 22. Europäisches Antonov An-2 Treffen

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Das europäische Treffen der Antonov An-2 fand in diesem Jahr zum 22. Mal statt. Treffpunkt der „Annas“ war diesmal der Platz in Bienenfarm. Neun An-2 aus drei Ländern fanden sich hier zu diesem Ereignis ein. Gesellschaft bekamen sie diesmal von weiteren Fliegern aus osteuropäischer Produktion, die im Rahmen des verschobenen Ostblock Fly-Ins der Quax-Flieger anstatt im Mai nun zu diesem Termin eintrudelten (siehe Teil I des Berichts). In diesem Teil sollen nun die Annas gewürdigt werden.

Über die Antonov An-2 braucht man eigentlich nicht mehr viel schreiben, ist sie doch recht bekannt und auch auf Flugveranstaltungen sehr präsent. Deshalb an dieser Stelle nur ein paar Eckdaten:
Ihren Erstflug hatte sie 1947. Von ihr wurden geschätzt ca. 18.000 Maschinen gebaut, wobei die Produktion nach ca. 5.000 Maschinen in der Sowjetunion gefertigt Maschinen, ab 1960 auf die polnische Firma PZL überging, deren Werkshallen anschließend ca. 12.000 dieser Maschinen verlassen haben. Dazu kommen noch weitere, in China in Lizenz gebaute, Versionen. Angetrieben wird die AN-2 von einem 1.000 PS leistenden Siebenzylinder-Sternmotor. Sie kam sowohl in der Land- und Forstwirtschaft, wie auch beim Militär und in der zivilen Fliegerei in Osteuropa, als Arbeits-, Transport- und Passierflugzeug zum Einsatz. Die Nutzlast beträgt ca. 2 Tonnen oder 12 Passagiere. Noch ein paar technische Daten:

Länge: 12,74 m
Spannweite: oben: 18,18 m / unten: 14,24 m
Höhe (im Stand): 4,13 m
Leermasse: 3450 kg
max. Startmasse: 5500 kg
Reisegeschwindigkeit: 190 km/h
Höchstgeschwindigkeit: 258 km/h (in 1750 m Höhe)
Dienstgipfelhöhe: 4400 m
Triebwerk: ein Neunzylinder-Sternmotor Schwezow ASch-62IR
Leistung: 1.000 PS (735 kW)
Startrollstrecke: 150 m
Landerollstrecke: 180 m

Zwischen 1952 und 1990 kamen insgesamt 74 Annas in der DDR zum Einsatz. Sie flogen für die Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA/LSK) und deren Vorläufer, der Kasernierten Volkspolizei (KVP/VP-Luft), sowie für die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und für die staatliche Fluggesellschaft der DDR, die Interflug und deren Vorläufer, der ostdeutschen Lufthansa. Deshalb ist es interessant, bei der einen oder anderen angereisten Maschine mal einen kurzen Blick auf den Werdegang zu werfen, handelt es sich bei sieben der Maschinen doch um Flugzeuge, die ihre Karriere in der DDR begannen. Und als „I-Tüpfelchen“ geben uns einige von ihnen auch einen kleinen Einblick in ihr Aussehen zu dieser Zeit.

Nun also Bühne frei für das herrliche Brummen von 1.000 PS im schönen Havelland:

Bei der farbenfrohen D-FKMB handelt es sich um eine An-2T aus sowjetischer Produktion, die 1957 zur NVA kam und dort bei der Transportfliegerausbildungsstaffel 45 (TAS-45) eingesetzt wurde.
Interessant ist die Crew, die mit der Mike-Bravo unterwegs war: Michael Manousakis, Unternehmer und Akteur in der TV-Serie „Steel Buddies“, flog mit einer Anna schon von Deutschland in 8 Stunden Nonstop nach Mallorca und – sicherlich noch spektakulärer – mit einer Anna über den Atlantik in die USA. In diesem Fall allerdings nicht Nonstop, sondern über die klassische Ferry-Route Schottland – Island – Grönland – Kanada. In Bienenfarm war am Samstag ein kleiner Ausflug angesagt mit einem bekannten Aviator aus dem niedersächsischen Hildesheim, der auch schon bei an Ferry-Flügen über dem großen Teich beteiligt war.
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Die D-FUKM zeigt sich im Olivgrün der ehemaligen Luftstreitkräfte der NVA und trägt den geheimnisvollen Namen „Anastasia“ und eine ebenso geheimnisvolle Abbildung der – vermutlich – selbigen.
Auch diese An-2T stammt noch aus sowjetischer Produktion und kam ebenfalls 1957 zur NVA. Mit der taktischen Nummer „455“ flog sie bei der Verbindungsstaffel 14 (VS-14) und bei der Verbindungsfliegerkette 31 (VKF-31). 1991 erfolgte die Umregistrierung auf das Kennzeichen D-FKMF, 1992 erhielt sie ihr heutiges Kennzeichen.
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Auch die D-FONL wurde noch in den 50er Jahren in der Sowjetunion als AN-2T produziert. 1957 kam sie zu den Luftstreitkräften der NVA, ursprünglich zur Verbindungsstaffel 25 (VS-25), bzw. Verbindungsstaffel 14 (VS-14). Wie die D-FKMB wurde sie später auch noch bei der Transportfliegerausbildungsstaffel 45 (TAS-45) eingesetzt. Sie trug die taktische Kennung „888“. Kurz vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wurde sie im September 1990 unter der zivilen Kennung DDR-SKL registriert und der Interflug Agrarflug unterstellt.
Heute trägt sie ihr Traditionskennzeichen noch, zeigt sich allerdings in der Lackierung der 50er und Anfang der 60er Jahre in den Farben der Deutschen Lufthansa, die in der DDR zwischen 1955 und 1963 parallel zur Lufthansa in der Bundesrepublik bestand. Im Streit um die Namensrechte ging allerdings die Lufthansa der DDR 1963 letztendlich in die staatliche Luftfahrtgesellschaft Interflug auf.
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Die D-FOKY stammt bereits aus polnischer Produktion von PZL und trägt die Typbezeichnung An-2TD. Sie kam 1968 zur Interflug Spezialflug, später Fernerkundungs-, Industrie- und Forschungsflug (FIF). Registriert wurde sie unter der Kennung DM-SKY, in 1981 dann DDR-SKY. Sie wurde für ihre Aufgaben mit einer Luftbildausrüstung ausgestattet. Im Rahmen dieser Verwendung war sie auch bei der Erprobung der später im Weltraum eingesetzten Multispektralkamera MKF-6 beteiligt (siehe auch Wikipedia: MKF-6). Am 03.10.1990 erhielt sie ihre heutige Kennung. Ihre aktuelle Lackierung scheint keinen Bezug zu einem historischen Vorbild aus DDR-Zeiten zu haben.
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1970 kam die heutige D-FWJE zur Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und trug dort die Registrierung DM-WJE, bzw. später DDR-WJE. Auch sie stammt aus polnischer Produktion (AN-2TD). Die Lackierung erinnert an ein Farbschema der GST, scheint jedoch etwas vereinfacht worden zu sein. Zumindest habe ich keine Bildbelege für diese Ausführung der Lackierung gefunden.
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Ebenfalls bei der GST flog die D-FOJN, die 1976 als AN-2TD ausgeliefert wurde. Bei der GST trug sie die Kennung DM-WJN, bzw. DDR-WJN. Etwas „schmucklos“ erscheint sie in der schlichten silbergrauen Lackierung, die aber durchaus Vorbilder bei den in der DDR eingesetzten zivilen Annas hat.
Die D-FOJN ist ein regelmäßiger Besucher bei Veranstaltungen in Bienenfarm und viele Besucher haben mit ihr schon im Rahmen von Rundflügen das Havelland aus der Luft erkundet. Beim An-2-Treffen wurde sie vorgeflogen und demonstrierte dabei u. a. ihre außergewöhnlichen Kurzstarteigenschaften.
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Die letzte “deutsche” Anna des Treffens begann ihre Karriere ebenfalls bei der GST. 1976 wurde sie dort mit der Kennung DM-WJO, bzw. später DDR-WJO geflogen und trägt diese Kennung noch heute in ihrer aktuellen Registrierung D-FWJO. Sie präsentiert sich in einer authentischen, zivilen Lackierung der GST aus dieser Zeit.
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Aus Tschechien reiste die OK-GIC an, die scheinbar erst kürzlich diese Lackierung bekam. Im Internet tauchen die Bilder mit dieser Lackierung erst vom An-2-Treffen in Bienenfarm auf. Auch bei ihr handelt es sich eine in Polen gebaute An-2TD, Baujahr 1976. Leider ist sie am Samstag nicht geflogen.
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Die jüngste Anna bei dieser Veranstaltung ist Jahrgang 1980 und wurde bei PZL als An-2R gebaut, die speziell für den Einsatz in der Landwirtschaft ausgerüstet wurden. Die im schwedischen Kattleberg beheimatete SE-KCE präsentiert sich in ihrer ursprünglichen Lackierung, als sie für die Aeroflot unter der Kennung CCCP-84592 flog.
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Damit endet die Vorstellung der Annas vom diesjährigen Treffen.

Auch wenn sie nicht unbedingt eine Schönheit der Lüfte ist (wobei Schönheit natürlich immer im Auge des Betrachters liegt), fasziniert die An-2 doch durch ihre Geschichte und ihre sprichwörtliche Unverwüstlichkeit. Mit ihrer Doppeldeckerauslegung scheinbar schon ein Anachronismus bei ihrer Einführung 1947, wirkt sie heute erst recht wie ein Dino aus der grauen Vorzeit der Fliegerei. Aber wie es mit Dinos so ist: Sie ziehen uns in ihren Bann, entführen uns in eine andere Welt und nötigen uns einigen Respekt ab. Respekt verdienen auch die Enthusiasten, die dafür sorgen, dass wir diese Dinos auch immer noch live in ihrem Element erleben dürfen. Danke dafür!

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Mein persönliches Fazit: Die Doppelveranstaltung des Ostblock Fly-Ins mit dem Antonov-Treffen war ein gelungenes Event, sowohl von der Organisation wie auch von den Teilnehmern. Die geballte Präsenz von Flugzeugen, die in den unterschiedlichsten Funktionen in der DDR geflogen sind, war ein willkommener Anlass, sich einmal mit diesem Kapitel der deutschen Luftfahrtgeschichte etwas intensiver auseinanderzusetzen und einige neue Facetten kennenzulernen, also auf eine kleine, aber sehr interessante Zeitreise mit den Antonovs & Co zu gehen.

Hier geht es zum ersten Teil des Berichtes: Ostblock Fly-In 2021 in Bienenfarm
Weitere "Annas", hier beim Treffen in Zerbst 2018:
LCBS: 20. Antonov An-2 Treffen 2018 in Zerbst
Gruß Uwe :hi:


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