[Artikel] „That’s All … Brother“ – Douglas C-47-A Skytrain (N47TB)

Artikel und Berichte findet man hier. Jedes LCBS Mitglied kann einen Artikel oder Bericht schreiben.
Forumsregeln
Forumsregeln
Hier findest Du spezielle Themen von uns rund um die Luftfahrt, den Flughafen und den LCBS mit folgenden Schwerpunkten:

- Allgemeine Luftfahrt / Airlines
- Flughafen / Institute / Firmen / Vereine am BWE
- Flugzeuge mit Geschichte(n) / Typengschichten
- LCBS
- Veranstaltungen / Reiseberichte

Falls ihr Anregungen oder weitere Informationen habt, meldet euch über unser Kontaktformular oder schreibt einfach den Ersteller des Artikels per Privater Nachricht an.
Gesperrt
Benutzeravatar
Uwe
Team
Beiträge: 3921
Registriert: Fr 20. Mai 2011, 19:54
Wohnort: Wolfsburg
Hat sich bedankt: 77 Mal
Danksagung erhalten: 198 Mal
Kontaktdaten:

[Artikel] „That’s All … Brother“ – Douglas C-47-A Skytrain (N47TB)

Beitrag von Uwe » Fr 5. Jun 2020, 22:52

Kategorie: Flugzeuge mit Geschichte(n)


Bild


Prolog
Es ist die Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944. Die Luft über Südengland wird vom dumpfen Brummen unzähliger Sternmotoren durchzogen, das langsam nach Süd-West über den Ärmelkanal in Richtung Frankreich abzieht. Eine Armada von über 800 Maschinen mit schwarz-weißen Streifen an Rumpf und Tragflächen und 13.000 amerikanischen Fallschirmjägern an Bord folgt einer Douglas C-47 Skytrain in die dunkle Nacht. Unter ihrem Cockpit hebt sich Im fahlen Mondlicht ein gelber Schriftzug vom dunklen Olivgrün des Rumpfes ab: „That’s All … Brother“ ist dort zu lesen. Ihr Ziel heute Nacht: Die Halbinsel Cotentin in der Normandie.
Als sich die Männer in der Maschinen erheben und der Erste von ihnen auf die kaum erkennbare nächtliche Landschaft blickt, die unter ihm vorbeizieht, vermischt sich das Dröhnen der Motoren mit dem lauten Krachen des Fahrtwindes, der sich an der offenen Tür bricht, untermalt von den dumpfen Detonationen der Flakgranaten, die jetzt am Nachthimmel explodieren. Es ist 0:48 Uhr, als das grüne Licht über der offenen Tür der Führungsmaschine aufleuchtet. Jetzt gibt es für die Männer kein Zurück mehr. Dicht gedrängt springen die ersten Fallschirmjäger hintereinander in die Dunkelheit, einem ungewissen Schicksal entgegen.
Es sind die Soldaten vom 2. Bataillon des 502. Fallschirmjägerregiments, das zur amerikanischen 101. Luftlandedivision - „The Screaming Eagles“ - gehört. Ihr Ziel in dieser Nacht ist die Gegend um den Ort St. Mère d‘ Eglise, ihr Auftrag lautet: Sicherung der rechten Flanke und des Hinterlands an dem Strandabschnitt der Normandieküste, an dem wenige Stunden später im Morgengrauen tausende amerikanische Infanteristen anlanden werden. Für sie und ihre Kameraden, die jetzt über den verschiedenen Absetzzonen im Hinterland an ihren Fallschirmen hängen und der Erde entgegen taumeln, beginnt in diesem Moment der längste Tag, der Tag der Entscheidung, der „D-Day“.
Am Ende dieses Tages werden hohe Verluste an Soldaten auf beiden Seiten und unter der Zivilbevölkerung zu beklagen sein, aber er wird den militärischen Erfolg der Operation Overlord, der Invasion der Alliierten in Westeuropa, sichern. „That’s All … Brother“ leistet in dieser Nacht ihren Beitrag dazu an vorderster Front.

Bild


Eine lange und wechselvolle Geschichte
Im März 1944 verließ die Douglas C-47-A Skytrain mit der Seriennummer 42-92847 die Werkhallen von Douglas in Oklahoma City und wurde umgehend an die United States Army Air Force (USAAF) ausgeliefert. Bereits im April wurde sie über die übliche Ferry-Strecke von Neufundland über Grönland, Island und Irland nach England überführt und dort am 26.04.1944 der 87th Troop Carrier Squadron (TCS) zugewiesen. Die 87th TCS lag auf dem britischen Stützpunk Greenham Common in Südengland und gehörte zur 438th Troop Carrier Group (TCG) der 53rd Troop Carrier Wing (TCW), die wiederum der dem IX Troop Carrier Command (TCC) in der 9th Air Force unterstellt war. Hier bekam sie ihren Namenszug „That’s All … Brother“, was sinngemäß mit „Das war’s … Kumpel“ übersetzt werden kann, ein Hinweis an die Adresse des Feindes auf das zu erwartende Ende des Krieges.

Bild

Die 87th TCS wurde ausgewählt, als erste Staffel hinter den Pfadfindereinheiten, die Flotte des IX Troop Carrier Command bei der Landung in der Normandie in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni anzuführen (Operation Overlord). Ihr Kommandeur, Lt. Col. John Donalson, führte den Verband nicht in „seiner“ Maschine, der „Belle of Birmingham“, an, sondern in der „That`s All … Brother“, weil diese über einen Empfänger verfügte, der die Signale aus den von den Pfadfindern markierten Absprungzonen empfangen konnte. Über 800 Maschinen mit 13.000 Soldaten der amerikanischen 82. und 101. Luftlandedivision folgten ihr in den Kampf. Am 7. Juni führte sie ein weiterer Einsatz in die Normandie, bei dem sie Lastensegler vom Typ Waco CG-4A der amerikanischen 82. Luftlandedivision ins Kampfgebiet transportierte.

Nach ihren Einsätzen in der Normandie nahm die „That`s All … Brother“ an allen weiteren großen Luftlandeoperationen des Krieges in Europa teil. Am 20. Juli verlegte die 87th TCS nach Canino in Italien und nahm an der erfolgreichen Invasion in Südfrankreich teil (Operation Dragoon), bevor sie am 24. August wieder nach England zurückkehrte. Das Unternehmen „Market-Garden“, der geplante Durchstoß der alliierten Streitkräfte durch Holland über den Rhein nach Norddeutschland, startete am 17. September 1944. Entscheidend für das Gelingen der Operation war die Besetzung und Sicherung verschiedener Brücken in Holland durch britische und amerikanische Fallschirmjäger. Diese Operation scheiterte jedoch an der letzten Brücke in Arnheim, die nicht bis zum Eintreffen der Bodentruppen gehalten werden konnte. Während der deutschen Ardennenoffensive im Dezember 1944 / Januar 1945 flog die 87th TCS Versorgungseinsätze u. a. die ersten für die eingeschlossenen amerikanischen Verbände in Bastogne (Operation Repulse). Im Februar 1945 verlegte die Einheit von England nach Frankreich. Am 24. März 1945 startete die „That’s All … Brother“ zur letzten und größten Luftlandeoperation des Krieges in Europa: Die Operation Varsity. Jenseits des Rheins wurden an einem Tag über 16.000 britische, kanadische und amerikanische Fallschirmjäger zur Absicherung der Rheinüberquerung der alliierten Streitkräfte bei Wesel abgesetzt. Der letzte Akt des Krieges hatte begonnen.

Bild

Bereits kurz nach Ende des Krieges wurde die Maschine 1945 aus den Armee-Beständen entfernt und auf dem zivilen Markt verkauft. In den nächsten Jahrzehnten ging sie durch die Hände von 14 Besitzern, die sich aber der historischen Bedeutung dieser Maschine nicht bewusst waren, darunter auch kurzzeitig eine Kirchengemeinde in den USA. Angeblich soll sie in den 60er Jahren auch verdeckte Einsätze für die CIA geflogen haben. Ihre erste fliegerische Karriere endete 2008 in den Farben einer AC-47 „Gunship“, wie die militärischen DC-3 noch im Vietnam-Krieg geflogen wurden. Eine genaue Aufstellung der verschiedenen Besitzer mit einigen Bildern aus der Zeit findet sich hier bei: Aerial Visuals.

Danach fand sie sich auf dem Flugzeugfriedhof der Basler Turbo Convertions im amerikanischen Oshkosh / Wisconsin wieder. Dieses Unternehmen baut aus alten DC-3/C-47 neue turboprop-angetriebene Maschinen, die unter der Bezeichnung BT-67 verkauft werden oder verwertet alle noch brauchbaren Teile als Ersatzteile für andere Maschinen. Dieses Schicksal hätte auch die „That’s All … Brother“ ereilt, wenn nicht ein glücklicher Zufall dazu geführt hätte, dass ihre Geschichte gerade noch rechtzeitig publik wurde.
Bei Recherchen zur Geschichte seiner Einheit, der 106th Observation Squadron, die während des Krieges im Pazifik stationiert war, stieß ein Historiker des Verbandes auf den Umstand, dass ein Mitglied dieser Einheit beim Einsatz am D-Day über der Normandie dabei war, nämlich jener Lt. Col. John Donalson, der zu dieser Zeit als Staffelkapitän zur 87th TCS abkommandiert war und die Luftlandetruppen in die Schlacht führte. Die Suche nach seiner Maschine führte über ihre Seriennummer, das einzige was noch bekannt war, über den letzten Besitzer zur Firma Basler, wo die Maschine bereits für eine weitere Verwertung vorgesehen war.
Nachdem die Geschichte über den Fund in der Presse veröffentlicht wurde, interessierte sich die Commemorative Air Force (CAF), eine amerikanische Vereinigung zur Erhaltung historischer Flugzeuge, für die Maschine. Ihr Ziel war es nicht nur, dieses Flugzeug wieder in die Luft zu bringen, sondern auch rechtzeitig zum 75. Jahrestag der Invasion in Europa zu präsentieren. Nachdem die Finanzierung gesichert war, begann die CAF in Zusammenarbeit mit Basler 2015 mit der originalgetreuen Restaurierung der Maschine, die am 31. Januar 2018 erstmals wieder flog. Danach erhielt sie ihr Finish bei der CAF in Texas und absolvierte ihre ersten Auftritte bei Airshows.

Loading...
Am 19. Mai 2019 hob die amerikanische D-Day Squadron vom Oxford-Waterbury Airport in Connecticut ab. Ihre Mission war die Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Invasion in der Normandie, die in Großbritannien und Frankreich geplant waren, zusammen mit anderen DC-3/C-47 aus Europa und anderen Teilen der Welt. Fünfzehn DC-3/C-47 traten ihren Weg in mehreren Etappen von Amerika über den Atlantik in Richtung Europa an und nahmen dabei die gleiche Route, die einige von ihnen vor über 75 Jahren schon einmal geflogen sind: Über Neufundland, Grönland, Island und Irland erreichten die Maschinen am 29. Mai das historische Flugfeld von Duxford in England. Eine von ihnen war die „That’s All … Brother“.

Nachdem die Planungen für das große Treffen der DC-3 und C-47 zu den Gedenkfeiern zum D-Day bekannt wurden, gründete sich in Deutschland eine gemeinnützige Organisation, die das Ziel hatte, diese Maschinen auch zum Andenken an die Aufhebung der Berlin-Blockade und Beendigung der Luftbrücke (Operationen Vittels und Planefare) vor 70 Jahren nach Deutschland zu holen. Wenn sich auch nicht alles so realisieren ließ, wie die Organisatoren sich das vorgestellt hatten, kam ein Kontingent von ca. 20 Maschinen nach Deutschland. In der Zeit vom 10. bis 15. Juni 2019 waren sie auf den alten Luftbrückenstandorten Wiesbaden, Fassberg und Jagel zu sehen. Zum offiziellen Abschluss der Gedenkveranstaltungen drehte eine Formation der „Rosinenbomber“ eine Runde über Berlin und überflog alle ehemaligen Flughäfen der Luftbrücke: Tempelhof, Gatow und Tegel.
Während sich danach einige Teilnehmer wieder auf die Rückreise in ihre Heimatländer machten, nutzen andere die Zeit zur Teilnahme an der Pariser Airshow. Zu ihnen gehörte auch die „That’s All … Brother“, die es sich aber nicht nehmen ließ, am 18.06.2019 einen Zwischenstopp in Braunschweig einzulegen und damit die einmalige Chance bot, sie hier vor Ort zu sehen.

Weit über ihre technische Bedeutung hinaus, ist „That’s All … Brother“ ein lebendiges Stück Vergangenheit und zugleich Gegenwart, die uns ihre Geschichte erzählt, die auch ein Teil unserer Geschichte ist, die unser Leben bis heute beeinflusst.

Begrüßung in Braunschweig
Bild


Loading...

Bild


Loading...
Daten und Fakten zur Douglas DC-3/C47
Die Douglas DC-3 wurde als ziviles Passagierflugzeug entwickelt und war aufgrund ihrer Sicherheit, Robustheit und hohe Wirtschaftlichkeit ein Meilenstein in der Entwicklung der zivilen Luftfahrt. Ihren Erstflug hatte sie am 17. Dezember 1935. Angetrieben wurde die DC-3 von zwei Doppelsternmotoren Pratt & Whitney R-1830 Twin Wasp mit je 1.200 PS.
Während des zweiten Weltkriegs und bis Ende der 40er Jahre bildeten die DC-3 unter der Bezeichnung Douglas C-47 Skytrain (bei der US Army Air Force) und Douglas Dakota (bei der Royal Air Force) das Rückgrat der Transportverbände der amerikanischen und britischen Streitkräfte. Zu Beginn der Berliner Luftbrücke 1948 waren es die Skytrains und Dakotas, die in den ersten Wochen die Hauptlast der Versorgungsflüge nach Berlin stemmten. Ihre letzten Militäreinsätze versahen die C-47 in den 60er Jahren im Vietnam-Krieg, wo sie als schwer bewaffnete AC-47 „Gunship“ Bodenziele auf dem Ho-Tschi-Minh-Pfad angriffen.
Insgesamt wurden ca. 10.200 militärische und 460 zivile Versionen von Douglas gebaut, dazu kommen noch ca. 5.400 Lizenzbauten. Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele C-47 auf dem zivilen Markt verkauft und selbst heute sollen noch einige wenige von ihnen im kommerziellen Luftverkehr eingesetzt werden. Einige andere wiederum fanden Liebhaber, die sich mit Leidenschaft dafür einsetzten, sie wieder wie zu ihrer großen Zeit in ihrem Element zu präsentieren. Eine von ihnen ist die „That’s all … Brother“.

Blick ins Cockpit einer DC-3, hier die D-CXXX
Bild


Pratt & Whitney R-1830 Twin Wasp
Bild


Technische Daten der Douglas DC-3 / C-47

Länge: 19,66 m
Spannweite: 29,98 m
Höhe: 5,16 m
Flügelfläche: 91,7 m²
Antrieb: Zwei Pratt & Whitney R-1830-92 Twin Wasp Doppelsternmotoren
Leistung: 2 x 1200 PS
Höchstgeschwindigkeit: 368 km/h in 2680 m Höhe
Reisegeschwindigkeit: 280 bis 297 km/h
Normale Reichweite: 2160 km
Dienstgipfelhöhe: 7350 m
Leergewicht: 7700 kg
Fluggewicht: 13190 kg



Weitere Links: Die DC-3 / C-47 in Braunschweig

Die "That's All ... Brother" in der LCBS-Datenbank

"That`s All ... Brother" in Braunschweig: 18.06.2019: N47TB Douglas C-47

Air Service Berlin: Der "Rosinenbomber": Douglas DC-3 D-CXXX
Gruß Uwe :hi:


Meine Foto-Website - Meine Bilder bei JetPhotos - Meine Bilder bei Planespotters

Nikon D7200 - Nikon D7100 - Nikon D90 - Panasonic Lumix DMC-G6
AF-S Nikkor 18-105mm 1:3,5-5,6 VR ED DX - AF-S Nikkor 85mm 1:3,5 VR G-ED DX
Tamron SP 70-300mm F/4-5,6 USD DI - Tokina SD 12-24mm 1:4 (IF) DX II
Sigma 50mm 1:1.4 DG - Sigma 100-400mm F5-6,3 DG OS HSM Contemporary

Lightroom 6 - Photoshop Elements 10 - PhotomatixPro 4.2.5

Gesperrt